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7. Österreichischer Aufsichtsratstag: „Nicht Überregulierung, sondern Vertrauen und Offenheit bilden die Grundlage erfolgreicher Unternehmensführung und Überwachung.“7. ÖSTERREICHISCHER AUFSICHTSRATSTAG:
„NICHT ÜBERREGULIERUNG, SONDERN
VERTRAUEN UND OFFENHEIT BILDEN DIE
GRUNDLAGE ERFOLGREICHER
UNTERNEHMENSFÜHRUNG UND
ÜBERWACHUNG.“

10.03.2017
Am 2. März 2017 fand unter dem Generalthema „Uncertainty – Ungewissheit: Risiko oder Chance?“ der 7. Österreichische Aufsichtsratstag an der WU Wien statt. Die Veranstalter, Susanne Kalss, Professorin am Institut für Zivil- und Unternehmensrecht an der WU Wien und Werner Hoffmann, Leiter des Instituts für Strategisches Management an der WU und Managing Partner bei Contrast EY Management Consulting, diskutierten mit mehr als 300 Teilnehmern die Rolle des Aufsichtsrats in Zeiten der Unsicherheit. Sie konnten prominente Redner für das Podium wie Andreas Treichl und Friedrich Rödler (Erste Group Bank), Norbert Zimmermann (SBO, Berndorf), Brigitte Ederer (ÖBB) sowie Franz Rotter (Voestalpine) u.v.m. gewinnen.

Unsicherheit: Chance oder Risiko

 

Dabei wurde deutlich, dass Aufsichtsräte natürlich die Einhaltung definierter Regularien sicherstellen, aber vor allem unternehmerischen Mut zeigen müssen, um Unternehmen mit neuen innovationsfähigen Geschäftsmodellen in die Zukunft zu führen. Im Rahmen einer von Susanne Kalss und Alexander Leonhartsberger erstellten  Fallstudie erarbeiteten die Teilnehmer am Vormittag in Workshops für Familienunternehmen, Börsenunternehmen und Unternehmen im öffentlichen Eigentum Lösungsszenarien für den Umgang mit Unsicherheit im Aufsichtsrat. In seinem Eingangsreferat am Nachmittag unterstrich Vladimir Preveden, Managing Partner bei Roland Berger, dann u.a. anhand von Amazons Smart Home Assistent Alexa wie disruptive Megatrends wie künstliche Intelligenz gerade dabei sind, die Beziehungen zwischen Kunden und Herstellern aufzuwirbeln und daher die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle in allen Branchen zur Existenzfrage wird. Er rät Unternehmen kontinuierlich nach Disruptoren zu suchen, plädiert für wache  Innovationsorganisationen und -kulturen und fordert agiles, strategisches Denken ein, um Unsicherheiten entgegenzuwirken und Risiken abzufedern. 

 

Neues Leitbild guter Unternehmensführung

 

Ungewissheit wird nicht nur als zentrale unternehmerische, sondern auch als rechtliche Herausforderung skizziert, die Barbara Dauner-Lieb, Direktorin des Instituts für Arbeits- und Wirtschaftsrecht an der Universität zu Köln, beleuchtete: Ungewissheit ist nicht neu, sondern begleitet Unternehmen seit jeher; allein die Unternehmen selbst, vor allem aber das Umfeld reagiert völlig anders. Ungewissheit wirft auch Fragen der Haftung von Unternehmen bei Fehlentscheidungen neu auf, die Business Judgment Rule gehöre daher neu gedacht. Ungewissheit erfordere ein neues Leitbild guter Unternehmensführung, denn Handeln in Ungewissheit sei eine Eigenart unternehmerischer Tätigkeit, die ein neues Zusammenspiel zwischen Aufsichtsrat und Vorstand braucht. Die Lösung liegt aber jedenfalls nicht in der Verabschiedung neuer Bestimmungen, seien es externe oder unternehmensinterne Regelungen.

 

„Es ist so schwer wie noch nie.“

 

In die konkrete Praxis einer Aufsichtsratstätigkeit führten Franz Rotter, Mitglied des Vorstandes der Voestalpine sowie Ernst Chalupsky, Partner bei Saxinger, Chalupsky & Partner Rechtsanwälte. Im Doppelreferat gingen sie der Frage nach “Wie geht die Stahlindustrie mit strategischer Planung bei Unsicherheit um?” und beantworteten sie gleich mit: „Es ist so schwer wie noch nie, einfach weil die Entwicklungen komplex und besonders schnell sind. So sind etwa Digitalisierung oder besser Digitalisierungen so vielschichtig, dass diese nicht nur singulär betrachtet werden können. Derzeit sind wir punkto Innovationen an einem Big Point. Der Reifegrad europäischer Marktmodelle ist außerdem überschritten”, analysierte Rotter. Es sei notwendig, Muster zu finden, die auf die Geschäftslage einwirken sowie strategische Simulationen zu fahren, um die Agilität neuer Strategien daraus abzuleiten. Chalupsky betonte, dass der Aufsichtsrat in seiner beratenden Funktion Gesprächspartner und Kritiker sein müsse und den vorgezeichneten Rahmen bewahren, jedoch keine Wirtschaftsgeschichte betreiben soll.

 

Aufsichtsrat als Treiber oder Bremser?

 

Mit Andreas Treichl, Vorstandsvorsitzender der Erste Group Bank und Friedrich Rödler, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Erste Group Bank, führte Werner Hoffmann eine Diskussion über die Rolle des Aufsichtsrats: Fungiert er bei der Transformation von Unternehmen eher als Treiber oder Bremser in unternehmerischen Entscheidungen?  Die Organträger waren sich einig, der Aufsichtsrat müsse als Partner bei der notwendigen Anpassung an ein rasch wechselndes Marktumfeld agieren, den Vorstand begleiten und gegebenenfalls auch bremsen, trotz des Risikos aber nicht nur abwarten und gemeinsam erarbeitete und eingeschlagene Strategien mittragen. Auch die enormen fachlichen Herausforderungen, mit denen Aufsichtsräte heute konfrontiert sind, vor allem aber die überzogenen und unpassenden Anforderungen der Unabhängigkeit, erschweren es der Bank ungeheuer gute Aufsichtsräte zu finden.

 

Mit Resilienz und Vertrauen durch die Krise

 

Abschließend gaben Brigitte Ederer, Vorsitzende des Aufsichtsrats der ÖBB-Holding, Norbert Zimmermann, Aufsichtsratsvorsitzender der Berndorf AG sowie Emanuel Towfigh, Mitglied des Aufsichtsrats der Freudenberg SE, ein hidden champion aus Deutschland, einen Einblick in ihre Erfahrungen mit Unsicherheit in den unterschiedlichen Unternehmenstypen. Towfigh erläuterte den Umgang des Aufsichtsrats eines großen Familienunternehmens und legte den Fokus auf gutes Führungspersonal. Zimmermann betonte noch einmal, dass Aufsichtsrat und Vorstand durch die wuchernde und völlig verselbständigte Regulierung viele Hürden nehmen müssen und so ständig an ihrer eigentlichen Arbeit gehindert werden. Ederer verdeutlichte, dass in Unternehmen im öffentlichen Eigentum die Umsetzung innovativer Ideen zur Bewältigung von Unsicherheit häufig unterbleibt, weil das damit verbundene Risiko gescheut wird – im Wissen, dass jeder vermeintliche Fehler von den Medien und der Politik genüsslich ausgeschlachtet wird. Daraus entstand ein gemeinsames Bild: Entscheidend sei letztlich ein gutes Vertrauensverhältnis innerhalb des Unternehmens. Die Kultur des ehrbaren Kaufmanns gehöre gestärkt. Unternehmen ließen sich nicht durch Checklisten führen, meinten die Referenten und plädierten unisono dafür. „Wir müssen unsere Werte leben, weil wir überzeugt davon sind und sie in unserer Unternehmenskultur vererben.“

Fotogalerie
Susanne Kalss, Barbara Dauner-Lieb - Foto: Elena Azzalini PhotographyAndreas Treichl, Werner Hoffmann, Friedrich Rödler - Foto: Elena Azzalini PhotographyFriedrich Rödler, Susanne Kalss, Werner Hoffmann - Foto: Elena Azzalini Photography